Vita Text

Gerhard Hausmann

Gestaltung: Markus Hausmann

Gerhard Hausmann wurde 1922 In Chemnitz geboren. Er sollte Ingenieur werden und studierte deshalb 1940/41 Maschinenbau an der Akademie für Technik in Chemnitz. Von 1941 bis 1945 leistete er Kriegsdienst in der Marine (Minensuch- und U-Boot). Aus kurzer Kriegsgefangenschaft befreite er sich selbst.

Hausmann studierte von 1947 bis1952 an der Landeskunstschule in Hamburg - der späteren Hochschule für Bildende Künste - in den Klassen Kaschak, Hauptmann und Ortner. An der Universität Hamburg hörte er Kunstgeschichte.

Seit 1952 ist Hausmann freischaffend tätig. Auf wiederholten Reisen in die Schweiz, nach Skandinavien, Italien, Südfrankreich, Griechenland und an die dalmatinische Küste entstanden Zeichnungen und Aquarelle, die ihn zu seinen kühnen Bildvisionen der Themenkreise "Labyrinth" und "Dädalus" anregten.


Experimentierfreudig entwickelt er ein Verfahren zur Herstellung sog. "Dalle-Beton"-Fenster. Die Mayersche Hofkunstanstalt in München fertigt nach diesem Verfahren erstmals 17 Betonglasfenster, die Hausmann für die Ostapsiden der wiederaufgebauten Bernwardsbasilika St. Michael in Hildesheim entworfen hatte. Diese leuchtenden, wie durchbrochenes Gitterwerk wirkend Fenster stellen eine moderne Adaption der antiken Transennen ("Gitterfenster") dar. Hausmann hat hier Pionierarbeit geleistet. In dieser Technik entwirft er auch die 24 Fenster für die Kirche der Henriettenstiftung in Hannover und führt sie - wie auch die 13 Fenster für die Kirche St. Georg in Hamburg - in seinem Hamburger Atelier selber aus.

In der "Echt-Antik"-Technik dagegen sind seine Glasmalereifenster für die Kapelle der Ev. Akademie Loccum und für die Kirche St. Margareten in Gehrden gearbeitet. Hervorzuheben sind seine 4 monumentalen Fenster in der gotischen Kirche St. Blasien in Münden, für die er auch den in Bronze gegossenen Altartisch und die Leuchter entworfen hat.

Die Kirche des Diakonischen Werkes in Sorsum (bei Hildesheim) besitzt aus seiner Hand ebenfalls einen Altar, dazu eine Krone, beides in Bronze. Auch das raumbeherrschende Kreuz, das die Ostwand durchbricht und durch ein innen und außen plastisch gestaltetes Glasfenster gefüllt wird, stammt von ihm.

Die Elisabethkapelle in Lohne kann als ein Gesamtkunstwerk aus seiner Hand betrachtet werden: Hausmann entwarf und malte nicht nur alle Fenster, er schuf auch den Altar, die Tabernakelsäule, das Lesepult, den Priesterstuhl und die raumhohe Reliefwand in Ziegelmauerwerk.

In Backstein ausgeführt wurden von ihm ebenso die plastischen Lichtwände in der Medizinischen Hochschule in Hannover, wie auch die Reliefarbeiten im Neubau des Amtsgerichtes in Iserlohn,

Gutachten zur Farbgebung und zur Neuordnung der Lichtführung im Raum wurden von Hausmannn für die Bernwardsbasilika St. Michael in Hildesheim, für den Dom zu Bremen, für St. Blasius in Münden und für die backsteinromanische Klosterkirche in Jerichow erstellt.

Von seinen Wandmalereien müssen besonders die Fresco-buono-Arbeiten in der Kirche der Henriettenstiftung in Hannover, im Neubau des Amtsgerichtes in Lemgo und in der Thomaskirche in Edendorf erwähnt werden.

Die Gobelin-Entwürfe nehmen in seiner Malerei einen breiten Raum ein. Dazu zählen über 40, z.T. sehr großformatige Arbeiten. Gobelins von Hausmann befinden sich u.a. in der Deutschen Bank in Detmold, in der Medizinischen Hochschule und in der Henriettenstiftung (beide Hannover), oder in der Hamburgischen Landesbank (heute HSH-Nordbank). Die älteren Gobelins wurden von Christa Drescher in Hamburg gewebt, die neueren Arbeiten wurden in der Manufaktur Burg Giebichenstein bei Halle übersetzt.

Neben dieser Vielzahl unterschiedlichster Auftragswerke stand die freie Malerei und Grafik stets im Mittelpunkt des Hausmannschen Schaffens. Für die sich immer deutlicher abzeichnende Ausweglosigkeit unserer gesellschaftlichen und ökologischen Wirklichkeit hat Hausmann eine treffende Allegorie gefunden: das Labyrinth. Mit nie versiegender Erfindungskraft hat er dieses Thema in unzähligen, in ihrer Formvielfalt immer wieder überraschenden Varianten gemalt und gezeichnet. Diese bedrohlichen, düsteren, dabei ästhetisch aber formvollendeten "Labyrinthe" sind nicht nur Sinnbilder für den äußeren Zustand unserer Welt, sie sind darüber hinaus auch Seelenlandschaften, ins Bild gefaßte Befunde über den krankhaften Zustand unserer Seele. Hausmanns künstlerische Diagnose erkennt das Lastende, Finstere, Schroffe, das Eckige, Kantige und Verwinkelte auch und gerade in uns selbst.

Doch Hausmann ist kein Schwarzmaler. Er schafft auch Allegorien eines möglichen Auswegs. Ich meine seine "Däda1us"-Bilder, seine "Dädalischen Küsten“ und "Dädalischen Stilleben". So wie Dädalus dem Labyrinth entwich, indem er in die Lüfte und damit in die dritte Dimension stieg, sollten auch wir nicht weiter gegen die Wände unseres perfektionierten Labyrinths anrennen, sondern uns vielmehr um eine neue Dimension unseres Denkens, Fühlens und Handelns bemühen.

Einen sinnbildlichen Ausweg stellen auch seine schwingenden, weiträumigen "Landschaften" dar. Ich verstehe diese schönen, stets mit traumhafter Sicherheit komponierten Landschaften in Öl, Gouache, Tempera und Aquarell als "Gegenlabyrinthe", als real-utopische Gegenentwürfe zum labyrinthischen Ist-Zustand. Wenn es denn je eine nach-labyrinthische Zeit geben sollte, wenn es dem Menschen gelingen sollte, sich aus seinem selbstverschuldeten Gefängnis zu befreien, dann könnten diese Hausmannschen "Landschaften" als Metaphern für eine ästhetisch und moralisch geläuterte Welt begriffen werden - ganz im Geiste Schillers, der im "ästhetisch Schönen" das Sinnbild für das "moralisch Gute" erkannte.

Eine spätere Zeit wird mit hartem, gnadenlosem Blick die Spreu vom Weizen trennen und die Fülle modisch-banalen Schnickschnacks unserer Gegenwart in den Papierkorb der Kunstgeschichte werfen. Hausmanns gleichermaßen sensible wie farb- und formmächtige Bildwerke werden nicht dazu gehören. Vielmehr wird eine künftige Elite, die sich mit Schaudern von unserer globalen Eintopf-"Kultur" abwendet, in Gerhard Hausmann einen mit tiefem Ernst um die äußere und innere Wirklichkeit ringenden künstlerischen Chronisten unserer Zeit und ihrer absurden Befindlichkeit erkennen.

Prof. Dr. Albrecht Leuteritz
Im Juni 2005

 

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